15 Jahre lang prägte er das Ländle wie kaum ein Zweiter: Winfried Kretschmann, der erste und bislang einzige grüne Ministerpräsident der deutschen Geschichte, reicht den Staffelstab weiter. Es ist ein Abschied, der weit über die Grenzen von Stuttgart hinaus Beachtung findet, markiert er doch das Ende eines beispiellosen politischen Experiments, das zur Normalität wurde.

Das Wichtigste auf einen Blick
- Großer Zapfenstreich: Die feierliche Verabschiedung findet am Mittwoch mit militärischen Ehren und persönlicher Musikwahl statt.
- Musikalische Vielfalt: Kretschmann wünschte sich eine Mischung aus Oper, Sinatra und traditioneller Marschmusik.
- Politik des Gehörtwerdens: Sein Markenkern war die stärkere Einbindung der Bürger in Entscheidungsprozesse (Bürgerbeteiligung).
- Historisches Erbe: Er regierte das wirtschaftsstarke Baden-Württemberg über drei Amtszeiten hinweg seit 2011.
Ein Rückblick auf 15 Jahre im Schloss
Als Winfried Kretschmann im Jahr 2011 das Amt des Ministerpräsidenten übernahm, war die Skepsis groß. Ein Grüner im Stammland von Daimler und Bosch? Viele hielten das für eine Eintagsfliege. Doch der ehemalige Biologielehrer bewies Durchhaltevermögen. Er schaffte es, die konservative Seele des Landes mit ökologischen Zielen zu versöhnen. Schaffe, schaffe, Häusle baue – das galt unter ihm auch für Windkraftanlagen, wenn auch mit dem typisch baden-württembergischen Pragmatismus.
Sein Regierungsstil war geprägt von der sogenannten "Politik des Gehörtwerdens". Nach den heftigen Protesten um Stuttgart 21 setzte Kretschmann auf Dialog. Er wollte die Menschen mitnehmen, statt über ihre Köpfe hinweg zu entscheiden. Kritiker warfen ihm gelegentlich vor, zu sehr auf Konsens bedacht zu sein, doch der Erfolg gab ihm recht: Bei den Wahlen blieb er unangefochten der beliebteste Politiker im Südwesten.

Für seinen großen Abschied hat sich der bekennende Klassik-Fan eine besondere Setlist zusammengestellt. Neben Tschaikowskis "Schwanensee" darf es auch etwas lockerer sein: Frank Sinatras Welthit "My Way" wird über den Ehrenhof klingen. Ein passenderer Song ließe sich kaum finden, denn Kretschmann ging seinen Weg stets eigenwillig, oft gegen den Strich seiner eigenen Partei, aber immer mit dem Blick auf das Ganze.
"Ich habe versucht, das Land pfleglich zu behandeln und die Menschen ernst zu nehmen."
Warum sein Abgang eine Lücke hinterlässt
Kretschmann war mehr als nur ein Regierungschef; er war eine Integrationsfigur. In Zeiten zunehmender Polarisierung wirkte der "grüne Landesvater" fast wie ein Relikt aus einer ruhigeren Ära. Er verkörperte eine Bodenständigkeit, die bei vielen Wählern Vertrauen schuf – auch bei jenen, die eigentlich nichts mit grüner Politik am Hut hatten. Für Baden-Württemberg bedeutet sein Abschied eine Zäsur. Die Frage steht im Raum: Kann die "Politik des Gehörtwerdens" ohne ihren Erfinder überleben?

Lokalpatriotismus und ökologisches Bewusstsein zu vereinen, war seine größte Leistung. Er hat bewiesen, dass ein Industrieland grün regiert werden kann, ohne den Wohlstand zu gefährden. Das Erbe, das er hinterlässt, ist eine stabilisierte Koalition und ein Land, das trotz globaler Krisen wirtschaftlich solide dasteht. Doch der Druck auf seinen Nachfolger wird enorm sein, denn die Fußstapfen des Mannes aus Sigmaringen sind gewaltig.
Wie es jetzt weitergeht
Mit dem Zapfenstreich ist das offizielle Protokoll erfüllt. In den kommenden Tagen wird die Amtsübergabe vollzogen. Detaillierte Analysen zu seinem Vermächtnis zeigen, dass vor allem die neuen Strukturen der Bürgerbeteiligung bleiben werden. Am kommenden Mittwoch wird der neue Ministerpräsident im Landtag vereidigt. Für Kretschmann beginnt nun der wohlverdiente Ruhestand – vermutlich mit viel Zeit für seine geliebten Wanderungen und philosophischen Schriften.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Wer wird der Nachfolger von Winfried Kretschmann?
Die Nachfolge ist innerhalb der grün-schwarzen Koalition geregelt. Der Landtag wird zeitnah einen neuen Regierungschef wählen, um die Kontinuität im Land zu gewährleisten.
Was ist ein Großer Zapfenstreich?
Dies ist das höchste militärische Zeremoniell der Bundeswehr. Es wird traditionell zur Verabschiedung von Bundespräsidenten, Kanzlern und Verteidigungsministern – sowie in diesem Fall dem Ministerpräsidenten – durchgeführt.
Warum war Kretschmann so lange im Amt?
Dank seiner hohen persönlichen Beliebtheitswerte und seiner Fähigkeit, auch konservative Wählerschichten anzusprechen, konnte er drei aufeinanderfolgende Wahlen für sich entscheiden.
Welche Lieder wurden beim Zapfenstreich gespielt?
Neben dem formalen Teil wünschte sich Kretschmann unter anderem Stücke von Tschaikowski und Frank Sinatra, was seine persönliche Note unterstreicht.
Ressourcen
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