Gasspeicherstände auf historischem Tiefstand — Verbraucher vor Preisanstieg im Winter
Verbraucher in Deutschland müssen sich in der kommenden Heizperiode auf spürbar steigende Gaspreise einstellen. Die bundesweiten Erdgasspeicher sind im Spätsommer nur zu rund 50 Prozent gefüllt — der niedrigste Stand zu dieser Jahreszeit seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 2011. Geopolitische Spannungen und blockierte Handelsrouten im Nahen Osten treiben die Einkaufskosten auf den Großhandelsmärkten nach oben, was das Auffüllen der Speicher vor dem Winter drastisch verlangsamt.

Die Lage im Überblick
Die Füllstände der Gasspeicher in Deutschland liegen aktuell bei rund 50,7 Prozent. Zum Vergleich: Im Vorjahr waren die Reserven zur gleichen Zeit bereits zu fast 67 Prozent gefüllt, während der europäische Durchschnitt damals bei knapp 74 Prozent lag. Gesetzlich ist in der Gasspeicherfüllstandsverordnung ein Zielwert von 70 Prozent bis zum 1. November vorgeschrieben. Branchenverbände wie die Initiative Energien Speichern (Ines) und die Vereinigung der Fernleitungsnetzbetreiber Gas (FNB-Gas) warnen, dass diese gesetzliche Vorgabe bis zum Herbst physikalisch kaum noch zu erreichen ist.
Für Gaskunden droht diese Entwicklung zeitverzögert teurer zu werden. Mitte August lag der durchschnittliche Gaspreis für Neukunden laut Branchenverband BDEW bereits bei 12,6 Cent pro Kilowattstunde, verglichen mit 11,1 Cent zu Beginn des Jahres bei einem durchschnittlichen Jahresverbrauch von 20.000 Kilowattstunden.
Wie sich die Speicherkrise entwickelt hat
Normalerweise nutzen Gashändler die Sommermonate, um Erdgas zu günstigen Preisen einzukaufen, in Kavernen- oder Porenspeichern einzulagern und im Winter während der Spitzenlastzeiten wieder zu verkaufen. Diese Mechanik ist in diesem Jahr ins Stocken geraten. Der sogenannte Sommer-Winter-Spread (die Preisdifferenz zwischen Erdgaslieferungen im Sommer und im kommenden Winter) ist negativ oder bietet keine ausreichende Gewinnspanne für Marktteilnehmer.
Hintergrund ist der Iran-Krieg und die damit verbundene Blockade der strategisch wichtigen Straße von Hormus. Durch diese Meerenge wird ein erheblicher Teil des weltweiten Flüssigerdgases (LNG) transportiert. Angriffe beschädigten zudem Produktionsstätten in Katar. Die Folge war ein massiver Preissprung: Lag der Großhandelspreis am 27. Februar vor den Angriffen noch bei 32,7 Euro pro Megawattstunde, kletterte er bis zum 21. August auf 66,6 Euro pro Megawattstunde.

Die regionalen Unterschiede in Deutschland sind beachtlich: Während der Erdgasspeicher im rheinland-pfälzischen Frankenthal mit einem Arbeitsgasfüllstand von exakt 0 Prozent vollständig leer steht, meldet der Speicher Rüdersdorf des Energieversorgers EWE in Brandenburg einen Füllstand von 80,9 Prozent.
Beteiligte Akteure und zentrale Details
Verbraucherschützer und Energieexperten mahnen zur Vorsorge. Ramona Pop, Vorständin des Verbraucherzentrale Bundesverbandes, fordert Verbraucher dazu auf, ihre bestehenden Verträge genau unter die Lupe zu nehmen. Eine Preisgarantie über den kommenden Winter hinaus schütze Haushalte vor unvorhersehbaren Preissprüngen. Daniela Hofmann von der Verbraucherzentrale Brandenburg betont ergänzend, dass Hauseigentümer durch gezielte Tarifvergleiche sparen können, während Mieter in Mehrparteienhäusern das Gespräch mit ihren Vermietern suchen sollten, um Heizkostenabrechnungen im Blick zu behalten.

Klaus Müller, Präsident der Bundesnetzagentur, sieht die Händler in der Pflicht, ihren vertraglichen Lieferverpflichtungen nachzukommen:
Mit dem aktuellen Stand der Speicherbefüllung kann man noch nicht zufrieden sein.
Zugleich verweist Müller darauf, dass die Gasversorgung heute breiter aufgestellt sei als zu Beginn der Ukraine-Krise, da neue LNG-Terminals an den deutschen Küsten für fortlaufenden Nachschub sorgen.
Reaktionen aus Politik und Verbänden
Die stockende Einspeicherung hat eine Debatte über die Versäumnisse der Bundesregierung entfacht. Michael Kellner, energiepolitischer Sprecher der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen, warnt vor neuen Abhängigkeiten und fordert die Einberufung eines bundesweiten Gasgipfels:
Die leeren Speicher bringen uns in eine gefährliche Abhängigkeit von amerikanischem Flüssiggas (LNG).
Das Bundeswirtschaftsministerium teilte hingegen mit, dass eine akute Gasmangellage für den Winter nicht zu erwarten sei, auch wenn die Lage angespannter bleibe als in den vorangegangenen zwei Wintern. Innerhalb der Bundesregierung gibt es zudem unterschiedliche Auffassungen über steuerliche Instrumente: Bundesfinanzminister Lars Klingbeil (SPD) treibt mit europäischen Partnern Pläne für eine Übergewinnsteuer auf Mehreinnahmen von Mineralöl- und Energiekonzernen voran, was von Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) abgelehnt wird.
Worauf sich Haushalte nun einstellen müssen
Obwohl das Risiko eines physischen Gasmangels dank intakter LNG-Infrastruktur und Pipeline-Importen nach offizieller Einschätzung gering bleibt, ist das finanzielle Risiko für Endverbraucher real. Derzeitige Entwicklungen an den Weltmärkten und die Schifffahrtsbeschränkungen in der Straße von Hormus bestimmen maßgeblich, ob die Preise zur Hauptheizzeit weiter anziehen.
Alexander Romahn, Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Reckonergy, rät Verbrauchern daher kurzfristig zum Einsatz programmierbarer Raumthermostate an Heizkörpern zur Verbrauchsreduktion sowie langfristig zur Umstellung auf fossilfreie Heizsysteme wie Wärmepumpen, um Preisvolatilitäten an den Rohstoffmärkten künftig zu entgehen.
Häufig gestellte Fragen
Warum sind die deutschen Gasspeicher aktuell so leer?
Wegen geopolitischer Krisen im Nahen Osten und Schifffahrtsbehinderungen in der Straße von Hormus sind die Einkaufspreise für Gas im Sommer stark gestiegen. Da Händler das Gas im Winter möglicherweise nicht mit Gewinn weiterverkaufen können, halten sie sich beim Zukauf und Einspeichern zurück.
Besteht im kommenden Winter die Gefahr, dass kein Gas mehr fließt?
Eine physische Gasmangellage wird von der Bundesnetzagentur und dem Wirtschaftsministerium derzeit nicht erwartet. Deutschland importiert kontinuierlich über Pipelines und LNG-Terminals an den Küsten, sodass die Versorgung gewährleistet bleibt.
Werden die Gaspreise für Privathaushalte jetzt steigen?
Bei Neukundentarifen sind die Preise bereits spürbar geklettert. Bestandskunden mit laufenden Verträgen und festen Preisgarantien sind zunächst vor unmittelbaren Erhöhungen geschützt, müssen bei Vertragsauslauf oder Neuverhandlungen jedoch mit höheren Tarifen rechnen.
Was können Mieter und Eigentümer tun, um Kosten zu senken?
Verbraucherschützer empfehlen den Vergleich von Tarifen mit Festpreisgarantien. Zudem helfen der Einsatz moderner Raumthermostate, ein bewusstes Absenken der Raumtemperatur und die Prüfung von Heizungsanlagen.
Ressourcen
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