Warum gerät Russlands Kriegswirtschaft jetzt unter Druck?
Für Deutschland ist diese Studie mehr als ein Blick auf russische Haushaltszahlen: Sie berührt direkt die Frage, wie lange Moskau den Krieg gegen die Ukraine wirtschaftlich durchhalten kann. Das Kiel Institut für Weltwirtschaft und das Stockholm Institute of Transition Economics sehen in einem neuen Bericht deutliche Risse in Russlands Kriegsökonomie. Besonders schwer wiegen schwindende Reserven, sinkende Öl- und Gaseinnahmen und eine wachsende Abhängigkeit von China.

Hinter den Schlagzeilen
Die zentrale Grundlage der neuen Bewertung ist der Kiel Report „Endgame: The State of the Russian Economy“. Verfasst wurde er von internationalen Fachleuten zur russischen Wirtschaft. Der Bericht kommt zu dem Schluss, dass Moskaus fiskalische Reserven weitgehend aufgebraucht sind und sich damit ein Fenster für entschlosseneres westliches Handeln öffnet.
Der wirtschaftliche Druck entsteht nicht aus einem einzelnen Faktor. Seit Beginn des Krieges hat Russland seine Militärausgaben gestützt, während westliche Sanktionen den Zugang zu Technologien und Finanzstrukturen einschränken. Zugleich treffen ukrainische Angriffe auf Energie- und Verkehrsinfrastruktur einen Bereich, der für Russlands Einnahmen und militärische Versorgung besonders wichtig bleibt.
- Staatsfonds
- Ein staatlicher Finanzpuffer, aus dem Russland Ausgaben stützen kann, wenn reguläre Einnahmen nicht reichen.
- Schattenflotte
- Schiffe, über die russisches Öl trotz Sanktionen und Preisobergrenzen weiter verkauft werden soll.
- Doppelt nutzbare Güter
- Produkte, die zivil verwendet werden können, aber auch militärisch relevant sind.
Was genau passiert ist
Laut dem Bericht des Kiel Instituts sind die liquiden Vermögenswerte des russischen Staatsfonds von 6,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu Kriegsbeginn auf nur noch 1,8 Prozent im April 2026 gesunken. Das ist ein starker Rückgang des finanziellen Puffers, mit dem Moskau Belastungen abfedern kann.
Gleichzeitig überschritt das Defizit des russischen Bundeshaushalts bereits in den ersten drei Monaten des Jahres 2026 das Ziel, das die Regierung eigentlich für das gesamte Jahr vorgesehen hatte. Hinzu kommt ein massiver Einbruch bei den Öl- und Gaseinnahmen: Im ersten Quartal 2026 lagen sie laut Studie 45 Prozent unter dem Vorjahreszeitraum. Für einen Staat, dessen Kriegsfinanzierung stark an Energieerlöse gekoppelt ist, ist das ein empfindlicher Einschnitt.

Die Studie beschreibt außerdem, dass der Kreml zunehmend auf außerbudgetäre Finanzierungen, schnelle Kreditausweitung und indirekte Unterstützung durch das Bankensystem setzt. Das erklärt, warum die Wirtschaft nicht einfach an fehlendem Geld scheitert. Der Engpass verschiebt sich auf Arbeitskräfte, Technologie und Produktionskapazitäten.
Parallel dazu meldete ntv mehrere Entwicklungen aus dem Kriegsgeschehen: In Südrussland wurden Raffinerien nach Drohnenangriffen beschädigt, unter anderem in Afipski und Samara. Auch solche Vorfälle erhöhen den Druck auf eine Wirtschaft, die Energieexporte und Treibstoffproduktion zur Stützung des Krieges braucht.
Stimmen und Einschätzungen
Moritz Schularick, Präsident des Kiel Instituts für Weltwirtschaft, ordnet die Lage besonders klar ein. Seine Aussage ist wichtig, weil das Institut selbst an dem Bericht beteiligt ist und die Ergebnisse öffentlich erklärt.
In den ersten Jahren des Krieges gegen die Ukraine hat sich die russische Wirtschaft als widerstandsfähiger erwiesen, als viele erwartet hatten, doch nun sind die Reserven aufgebraucht
Matthew C. Klein, Autor des Kapitels über Russlands Kriegsfinanzierung, verschiebt den Blick weg vom reinen Staatshaushalt. Er betont, dass zusätzliche Ausgaben unter den aktuellen Bedingungen eher Inflation erzeugen können, statt Russlands militärische Leistungsfähigkeit zu steigern.
Die grundlegende Einschränkung, mit der Russland heute konfrontiert ist, ist nicht der Zugang zu Geld, sondern der Zugang zu Arbeitskräften, Technologie und Produktionskapazitäten
Auch Alicia García-Herrero, Senior Fellow bei Bruegel und Co-Autorin des Berichts, sieht Russlands Verhältnis zu China kritisch. Nach ihren Angaben hat Moskau zwar einen wirtschaftlichen Rettungsanker erhalten, zugleich aber an Verhandlungsmacht verloren.
Das größere Bild
Für Europa liegt die Bedeutung dieser Zahlen in der politischen Folgerung. Wenn Russlands Reserven schrumpfen und Energieeinnahmen zurückgehen, werden Sanktionen, Exportkontrollen und Maßnahmen gegen Ölgeschäfte wirksamer. Der Kiel-Bericht empfiehlt deshalb strengere Exportkontrollen, besonders mit Blick auf chinesische Lieferanten, sowie stärkeren Druck auf Russlands Exporteinnahmen.

Ein besonders konkreter Vorschlag ist ein „Ukraine-Unterstützungszoll“ auf den verbleibenden Handel zwischen EU und Russland, etwa bei LNG, Chemikalien und Düngemitteln. T-Online berichtet, dass ein solcher Zoll jährlich zwischen 11 und 16 Milliarden Euro einbringen könnte. Damit würde Handel, der weiter stattfindet, direkt zur Unterstützung der Ukraine beitragen.
Für Deutschland ist das relevant, weil Berlin weiter über Hilfe für Kiew, Verteidigungsausgaben und den Schutz der Nato-Ostflanke diskutiert. Am selben Tag sagte Bundeskanzler Friedrich Merz laut ntv im Bundestag, die Ukraine gehöre in längerer Perspektive zur Europäischen Union und Deutschland unterstütze sie, solange es notwendig sei.
Wie es weitergeht
Die nächsten politischen Schritte hängen davon ab, ob die EU und ihre Partner die im Bericht genannten Hebel tatsächlich verschärfen. Genannt werden eine bessere Durchsetzung von Preisobergrenzen, Maßnahmen gegen die Schattenflotte und strengere Kontrollen bei kritischen Gütern.
Die wirtschaftliche Lage Russlands ist damit kein isoliertes Forschungsthema. Sie entscheidet mit darüber, wie groß Moskaus Spielraum für den Krieg bleibt und wie viel Druck Europa ohne militärische Eskalation aufbauen kann.
Fragen und Antworten
Warum steht Russlands Wirtschaft unter Druck?
Weil Reserven schrumpfen, Öl- und Gaseinnahmen stark fallen und Sanktionen den Zugang zu Technologie, Arbeitskräften und Produktionskapazitäten erschweren.
Wie stark ist der russische Staatsfonds geschrumpft?
Die liquiden Vermögenswerte sanken laut Kiel-Bericht von 6,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu Kriegsbeginn auf 1,8 Prozent im April 2026.
Was bedeutet der Einbruch der Öl- und Gaseinnahmen?
Die Einnahmen lagen im ersten Quartal 2026 um 45 Prozent unter dem Vorjahreszeitraum. Das trifft eine zentrale Finanzierungsquelle des russischen Staates.
Welche Rolle spielt China für Russland?
China macht laut Bericht etwa 35 Prozent des russischen Außenhandels aus und liefert viele kritische Güter sowie militärrelevante Komponenten.
Was schlägt das Kiel Institut vor?
Der Bericht empfiehlt stärkere Sanktionen, strengere Exportkontrollen, Maßnahmen gegen die Schattenflotte und einen Ukraine-Unterstützungszoll auf verbleibenden Handel mit Russland.
Warum ist das für Deutschland wichtig?
Die Studie betrifft deutsche Sicherheits- und Europapolitik, weil wirtschaftlicher Druck auf Russland Einfluss auf den weiteren Kriegsverlauf und die Unterstützung der Ukraine haben kann.
Ressourcen
Quellen und Referenzen in diesem Artikel.

