Dieter Nuhr verteidigt Femizid-Passage — ARD verweist auf Satirefreiheit

Dieter Nuhr steht nach Aussagen über Femizide in einer ARD-Satiresendung in der Kritik. Er weist den Vorwurf zurück, über Frauenmorde gewitzelt zu haben; der rbb verweist auf Satirefreiheit.

Dieter Nuhr verteidigt Femizid-Passage
Letzte AktualisierungJun 28, 2026, 12:40:43 PM
vor 5 Tage
📢Werbung

Dieter Nuhr verteidigt Femizid-Passage — ARD verweist auf Satirefreiheit

Ein Satz aus einer ARD-Satiresendung hat eine Debatte über Humor, Gewalt gegen Frauen und öffentlich-rechtliche Verantwortung ausgelöst. Dieter Nuhr sagte in „Nuhr im Ersten XXL“ vom 18. Juni, die Wahrscheinlichkeit, in einer Beziehung auf einen Frauenmörder zu treffen, sei „praktisch null“, und empfahl, den Partner vor dem Geschlechtsverkehr erst kennenzulernen. Kritikerinnen und Kommentatoren sehen darin eine Verharmlosung von Femiziden und eine Verschiebung der Verantwortung auf Frauen. Nuhr weist genau diesen Vorwurf zurück.

Dieter Nuhr steht nach Aussagen zu Femiziden in der Kritik
Dieter Nuhr weist die Vorwürfe gegen seine Passage zurück — Deutschlandfunk Kultur

Was bislang bekannt ist

Auslöser ist eine Passage aus Nuhrs ARD-Sendung vom 18. Juni. Der Kabarettist sprach dort über Gewalt gegen Frauen und über den Begriff „strukturell“, den er als pauschalisierend kritisierte. Nach Angaben mehrerer Berichte sagte er, es gebe jährlich etwa 300 bis 350 Frauenmorde in Deutschland; das seien „300 bis 350 zu viel“, die Wahrscheinlichkeit, in einer Beziehung auf einen Frauenmörder zu treffen, sei aber „praktisch null“.

Der umstrittenste Satz folgte direkt darauf: „Zur Sicherheit wäre es nicht schlecht, wenn man den Partner vor dem Geschlechtsverkehr vielleicht einfach erst mal kennenlernt.“ Genau an dieser Stelle setzt die Kritik an. Medien wie Deutschlandfunk Kultur, der Tagesspiegel, t-online, ntv und die FAZ berichten über eine breite Gegenreaktion in Medien und sozialen Netzwerken.

Die Debatte ist deshalb so aufgeladen, weil Femizid nicht nur eine Zahl meint. Gemeint ist die Tötung einer Frau, weil sie eine Frau ist; mehrere Quellen weisen darauf hin, dass Deutschland bislang keine bundeseinheitliche offizielle Definition des Begriffs hat. Die FAZ schreibt, selbst das Bundeskriminalamt könne keine eindeutige Aussage über die jährliche Anzahl an Femiziden treffen, weil es Tatverdächtige, nicht aber die Tatmotivation erfasse.

Dieter Nuhr bei einer öffentlichen Veranstaltung
Die Debatte knüpft an frühere deutsche Streitfälle über Satiregrenzen an — Tagesspiegel

Der Tagesspiegel stellt den Fall in eine längere deutsche Tradition von Humordebatten, etwa um Jan Böhmermanns Erdoğan-Gedicht, Hengameh Yaghoobifarahs taz-Kolumne oder Luke Mockridges Witze über behinderte Athleten. Der Unterschied diesmal: Es geht nicht nur um Geschmack, sondern um die Frage, ob ein Witz über Gewalt gegen Frauen bestehende Täter-Opfer-Muster wiederholt.

Die Reaktionen

Nuhr selbst bestreitet, über Femizide gewitzelt zu haben. Auf Facebook schrieb er laut Deutschlandfunk Kultur und weiteren Berichten: „Habe ich nicht“ und „Kein Witz über Femizide, nirgends.“ Er erklärte, sein Beitrag habe sich gegen eine aus seiner Sicht pauschale Verunglimpfung von Männern gerichtet.

Kein Witz über Femizide, nirgends.

Dieter Nuhr, Kabarettist

Der für die Sendung zuständige Rundfunk Berlin-Brandenburg verteidigte Nuhr mit Verweis auf die Kunstfreiheit, erkannte aber die Kritik an. Nach Angaben des Spiegel hieß es, die Kritik an der Passage sei nachvollziehbar; in Satireformaten gelte es jedoch auch, die künstlerische Freiheit zu achten. Der rbb verwies darauf, dass „Nuhr im Ersten“ eine bekannte, vom Sender produzierte Satiresendung sei.

Die schärfsten Reaktionen kamen von Kommentatorinnen und Betroffenen. Die Influencerin Josephine Schreiber, deren Video laut BILD die Debatte zusätzlich verbreitete, schilderte eigene Erfahrungen mit einer gewalttätigen Beziehung. In der Welt wird sie mit dem Satz zitiert, es widere sie an, dass Menschen darüber lachten, dass mehrmals die Woche Frauen von Partnern oder Ex-Partnern ermordet würden.

t-online und ntv ordnen Nuhrs Pointe als Täter-Opfer-Umkehr ein. Ihr zentraler Einwand: Gewalt gegen Frauen entstehe häufig nicht bei zufälligen Begegnungen, sondern in Beziehungen, in denen Vertrauen, Abhängigkeit und Kontrolle über längere Zeit wachsen. Deshalb treffe der Hinweis auf das „Kennenlernen“ aus Sicht der Kritikerinnen den Kern des Problems nicht.

Was das für Sie bedeutet

Für Zuschauerinnen und Zuschauer in Deutschland geht es nicht nur darum, ob ein einzelner Satz witzig war. Die Debatte berührt die Frage, wie öffentlich-rechtliche Satire mit Themen umgeht, bei denen Betroffene im Alltag ohnehin um Anerkennung ihrer Erfahrungen kämpfen. Gerade weil „Nuhr im Ersten“ im ARD-Umfeld läuft, wird der Anspruch an redaktionelle Verantwortung höher wahrgenommen als bei einem privaten Bühnenmitschnitt.

Die Zahlen machen die Brisanz greifbar. Die Welt verweist auf mehr als eine Viertelmillion Fälle häuslicher Gewalt in der Polizeilichen Kriminalstatistik für 2024 und auf 328 Mädchen und Frauen als Opfer vollendeter Tötungsdelikte. Solche Zahlen bedeuten nicht, dass jeder Mann verdächtig ist; sie zeigen aber, dass Gewalt im sozialen Nahbereich für viele Frauen kein abstraktes Risiko ist.

Dieter Nuhr in einer Fernsehsendung
Der Streit dreht sich auch um die Grenzen öffentlich-rechtlicher Satire — Spiegel

Für das Publikum bleibt damit eine praktische Medienfrage: Wer Satire schaut, muss Provokation einordnen können; Sender wiederum müssen damit rechnen, dass Pointen über reale Gewalt nicht nur als Kunst, sondern auch als gesellschaftliches Signal gelesen werden. Der Fall zeigt, wie schnell ein kurzer Ausschnitt aus einer Fernsehsendung über soziale Netzwerke eine größere Debatte auslösen kann.

Was als Nächstes ansteht

Bestätigt ist bislang vor allem die Position der Beteiligten: Nuhr weist die Vorwürfe zurück, der rbb verteidigt die Passage unter Berufung auf Satirefreiheit und nimmt die Kritik zugleich als Rückmeldung zur eigenen Programmdebatte auf. Weitere konkrete Konsequenzen wie eine Programmänderung, eine Entschuldigung oder eine redaktionelle Prüfung werden in den vorliegenden Quellen nicht genannt.

Die Debatte dürfte dennoch weiterlaufen, weil sie zwei Dauerfragen bündelt: Wie weit darf Satire gehen, wenn sie reale Opfergruppen berührt? Und wann kippt Provokation in eine Botschaft, die Betroffene als Herabsetzung erleben?

Auf einen Blick

  • Dieter Nuhr steht wegen einer Passage aus „Nuhr im Ersten XXL“ vom 18. Juni in der Kritik.
  • Er sprach von etwa 300 bis 350 Frauenmorden jährlich und sagte, die Wahrscheinlichkeit, in einer Beziehung auf einen Frauenmörder zu treffen, sei „praktisch null“.
  • Besonders kritisiert wird sein Satz, man solle den Partner vor dem Geschlechtsverkehr erst kennenlernen.
  • Nuhr bestreitet, über Femizide gewitzelt oder Betroffenen Schuld zugeschoben zu haben.
  • Der rbb verweist auf Satirefreiheit, nennt die Kritik aber nachvollziehbar.
  • Mehrere Kommentare sehen in der Passage eine Verharmlosung von Gewalt gegen Frauen.

Fragen und Antworten

Was hat Dieter Nuhr über Femizide gesagt?

Nuhr sagte in „Nuhr im Ersten XXL“, es gebe jährlich etwa 300 bis 350 Frauenmorde in Deutschland und jeder davon sei einer zu viel. Danach stellte er diese Zahl den „zig Millionen Männern“ in Deutschland gegenüber und sagte, die Wahrscheinlichkeit, in einer Beziehung auf einen Frauenmörder zu treffen, sei „praktisch null“.

Warum wird Dieter Nuhr kritisiert?

Kritikerinnen und Kommentatoren stören sich vor allem an seinem Satz, Frauen sollten den Partner vor dem Geschlechtsverkehr erst kennenlernen. Sie lesen ihn als Verschiebung der Verantwortung auf potenzielle Opfer, weil Gewalt gegen Frauen häufig in bestehenden oder früheren Beziehungen geschieht.

Wie reagiert Dieter Nuhr auf die Vorwürfe?

Nuhr weist die Vorwürfe zurück. Laut mehreren Berichten schrieb er auf Facebook, er habe keinen Witz über Femizide gemacht und werde das nicht tun; sein Thema sei eine aus seiner Sicht pauschale Verunglimpfung von Männern gewesen.

Was sagt die ARD beziehungsweise der rbb dazu?

Der rbb, der die Sendung produziert, nennt die Kritik an der Passage nachvollziehbar. Zugleich verweist der Sender darauf, dass „Nuhr im Ersten“ ein Satireformat sei und Nuhr vor dem Hintergrund der Kunstfreiheit provozierend und zugespitzt formulieren dürfe.

Gibt es in Deutschland eine klare Definition von Femizid?

Nach Angaben der FAZ fehlt in Deutschland bislang eine bundeseinheitliche offizielle Definition des Begriffs. Deshalb gibt es auch keine einheitliche Sammlung aller Fälle, die als Femizide kategorisiert werden können.

Aya Nageeb profile photo

Verfasst von

Aya Nageeb

Leitender Redakteur

Deckt Unterhaltung, Kultur, Lifestyle und Gastronomie ab.

Dieser Artikel wurde mit KI-gestützten Redaktionstools erstellt und vor der Veröffentlichung nach den redaktionellen Standards von Trend Digest geprüft.

Erfahre mehr über unsere Methodik
UnterhaltungModeLebensstilEssen

📚Ressourcen

Quellen und Referenzen in diesem Artikel.