Verschärfte Krankschreibung: Was steckt hinter den Plänen ab Tag eins?

Die schwarz-rote Koalition plant die Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag und das Aus für Telefon-AU. Während die Politik den Krankenstand senken will, zeigen Umfragen einen enormen Rechtfertigungsdruck unter Beschäftigten.

Krankschreibung ab Tag eins: Neue Regeln und Kritik im Überblick
Last UpdateJul 20, 2026, 9:38:03 AM
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Was steckt hinter der geplanten Attestpflicht ab Tag eins?

Knapp 95 Prozent der deutschen Arbeitnehmer haben schon mindestens einmal gearbeitet, obwohl sie sich krank fühlten. Diese alarmierende Zahl bricht mitten in eine hitzige politische Debatte über die geplante Verschärfung der Krankschreibungsregeln. Während die schwarz-rote Koalition den Krankenstand per Gesetz senken will, zeigt der Alltag in deutschen Büros und Praxen ein völlig anderes Bild von immensem Rechtfertigungsdruck und überlasteten Strukturen.

Bundeskanzler Friedrich Merz und eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung
Diskussion um den Krankenstand: Bundeskanzler Friedrich Merz fordert strengere Regeln. — Merkur

Der aktuelle Stand der Pläne

Die schwarz-rote Bundesregierung unter Bundeskanzler Friedrich Merz plant im Zuge eines umfassenden Reformpakets tiefgreifende Änderungen bei der Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (AU). Kern des Vorhabens ist es, dass Beschäftigte bereits ab dem ersten Krankheitstag ein ärztliches Attest vorlegen müssen. Bislang wird eine solche Bescheinigung in der Regel erst ab dem vierten Tag verlangt. Merz begründet diesen Schritt mit den seit der Corona-Zeit stark gestiegenen Krankenständen, die den Unternehmen erhebliche Wettbewerbsnachteile einbrächten.

Flankiert wird die Reform durch das Vorhaben, die telefonische Krankschreibung komplett abzuschaffen. Bundesgesundheitsministerin Nina Warken verteidigte die Pläne und betonte, dass das Ende der Telefon-AU vereinbart sei, die Möglichkeit eines Attests per Videosprechstunde jedoch bestehen bleibe. Zudem kündigte Warken an, zeitnah Vorschläge vorzulegen, um Krankschreibungen über reine Onlinefragebögen ohne direkten Arztkontakt vollständig zu unterbinden. Damit solle mutmaßlichem Missbrauch ein Riegel vorgeschoben werden.

Gleichzeitig soll das Sparpaket die gesetzlichen Krankenkassen im Jahr 2027 finanziell entlasten. Da eine ursprünglich geplante Zuckerabgabe für Limonaden in eine allgemeine Zuckersteuer umgewandelt wurde, fließen die veranschlagten 650 Millionen Euro im kommenden Jahr über erhöhte Steuermittel an die Krankenversicherung zurück. Neben Einsparungen in Bereichen wie der Psychotherapie sieht die Reform als neuen Baustein eine sogenannte Teilzeit-Krankschreibung vor, die den Wiedereinstieg in den Beruf erleichtern soll.

Bundesgesundheitsministerin Nina Warken
Gesundheitsministerin Nina Warken verteidigt das Sparpaket der Koalition. — Spiegel

Reaktionen und Gegenwind

Die Pläne stoßen auf massiven Widerstand bei Opposition, Verbänden und in der Bevölkerung. In einer repräsentativen YouGov-Umfrage lehnen 59 Prozent der Befragten die Attestpflicht ab dem ersten Tag ab, und 58 Prozent sprechen sich gegen das Aus der telefonischen Krankschreibung aus. Kritiker verweisen darauf, dass Telefon-Krankschreibungen laut Hausärzten nur magere 0,8 bis 1,2 Prozent aller AU-Bescheinigungen ausmachen und somit kaum Einfluss auf den allgemeinen Krankenstand haben dürften. Die ehemalige Grünen-Vorsitzende Ricarda Lang fand deutliche Worte für das Vorhaben.

Diese Maßnahme trieft vor Misstrauen gegen die Arbeitnehmer, aber auch die Ärzte. Eigentlich wissen alle, dass das eine Bullshit-Idee war.

Ricarda Lang, Politikerin

Aufgrund des Gegenwinds deutet sich bereits ein vorsichtiges Taktieren innerhalb der Regierung an. Gesundheitsministerin Warken signalisierte Gesprächsbereitschaft mit Arbeitsministerin Bärbel Bas, um eine Überlastung der Arztpraxen zu verhindern. Warken bezeichnete die Einführung von Karenztagen als die ehrlichere Variante, um den Bürokratieabbau nicht zu gefährden. Dass dringender Reformbedarf im System besteht, unterstreicht auch die Hausärztin Sibylle Katzenstein, die den enormen Verwaltungsaufwand in den Praxen anmahnt.

30 Prozent der ärztlichen Arbeitszeit sind Bürokratie. Das ist wirklich eine Ressourcenverschwendung ohnegleichen.

Sibylle Katzenstein, Hausärztin

Auswirkungen auf Beschäftigte in Deutschland

Für die Arbeitnehmer in Deutschland verschärfen die Pläne eine ohnehin schon angespannte Situation am Arbeitsplatz. Eine repräsentative Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Civey unter 2000 Erwerbstätigen im Auftrag des Portals Allright zeigt, dass 72 Prozent der Beschäftigten einen erheblichen Rechtfertigungsdruck spüren, wenn sie sich krankmelden. Bei den jüngeren Erwerbstätigen zwischen 18 und 29 Jahren liegt dieser Wert sogar bei 82,1 Prozent.

Zudem berichteten 74,4 Prozent der Befragten, schon negative Reaktionen von Vorgesetzten auf Krankmeldungen erlebt zu haben. Die Angst vor beruflichen Nachteilen führt dazu, dass sage und schreibe 95,2 Prozent der Teilnehmer zugaben, trotz gesundheitlicher Einschränkungen gearbeitet zu haben. Arbeitsrechtler warnen eindringlich vor dieser Entwicklung, da eine Pflicht ab dem ersten Tag den Druck weiter erhöht und kranke Menschen in die ohnehin überfüllten Wartezimmer zwingt, obwohl sie oft lediglich Ruhe zum Auskurieren benötigen.

Nächste Schritte im Verfahren

Das Gesetz zur Stabilisierung der Krankenkassenbeiträge hat das parlamentarische Verfahren im Bundestag aufgenommen. In den kommenden Wochen wollen die Ministerinnen Warken und Bas im Koalitionsausschuss ausloten, wie die Belastungen für Praxen und Beschäftigte abgefedert werden können. Konkrete Vorschläge zur Unterbindung von Online-Attesten via Fragebogen werden ebenfalls in Kürze erwartet, während die genaue Ausgestaltung der Teilkrankschreibung noch finalisiert werden muss.

Das Wichtigste in Kürze

  • Attestpflicht geplant: Die schwarz-rote Koalition will die Vorlage einer AU-Bescheinigung bereits ab dem ersten Krankheitstag vorschreiben.
  • Abschaffung der Telefon-AU: Die telefonische Krankschreibung soll beendet werden, Videosprechstunden bleiben jedoch zulässig.
  • Präsenz trotz Krankheit: Laut einer Civey-Umfrage haben bereits 95,2 Prozent der Erwerbstätigen gearbeitet, obwohl sie krank waren.
  • Hoher Rechtfertigungsdruck: Fast drei Viertel der Beschäftigten verspüren Druck vor dem Arbeitgeber bei einer Krankmeldung.
  • Breite Ablehnung: Laut YouGov lehnen 59 Prozent der Menschen die verschärfte Attestpflicht ab.

Häufig gestellte Fragen

Ab wann gilt die neue Krankschreibungsregel in Deutschland?
Das Gesetz befindet sich aktuell im parlamentarischen Verfahren. Ein genauer Termin für das Inkrafttreten der Pflicht ab dem ersten Tag steht noch nicht fest.

Darf ich mich künftig noch telefonisch krankmelden?
Nein, die Reform der Koalition sieht die vollständige Abschaffung der telefonischen Krankschreibung vor. Als digitale Alternative soll jedoch die Videosprechstunde erhalten bleiben.

Was darf mein Arbeitgeber über meine Erkrankung wissen?
Die Rechtslage bleibt unverändert: Der Arbeitgeber hat nur Anspruch auf Informationen über die voraussichtliche Ausfalldauer. Medizinische Details oder die exakte Diagnose gehen den Chef nichts an.

Was ist eine Teilzeit-Krankschreibung?
Diese im Reformpaket enthaltene Option soll es Arbeitnehmern ermöglichen, trotz gesundheitlicher Einschränkungen für wenige Stunden zu arbeiten, um eine stufenweise Rückkehr in den Beruf zu erleichtern.

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Ahmed Sezer

Senior Editor

Specialist in politics, government, and general public interest topics.

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