Was steckt hinter dem Streit um das Russische Haus in Berlin?
Zuletzt aktualisiert: 11.08.2026, 19:19 Uhr
In der Friedrichstraße laufen weiter Kulturveranstaltungen, während wenige Kilometer entfernt über die Zukunft des Hauses gestritten wird. Auslöser sind neue Vorwürfe aus Frankreich: Das dortige Innenministerium bezeichnet das Russische Haus laut Recherchen von WDR und Süddeutscher Zeitung als Tarnung für russische Geheimdienste. Politiker von CDU, Grünen und FDP verlangen inzwischen eine Schließung, doch die Bundesregierung verweist auf bestehende Verträge mit Russland.

Was gerade passiert
Die Debatte dreht sich um die Frage, ob hinter dem offiziellen Kulturbetrieb nachrichtendienstliche Aktivitäten stattfinden. In einer französischen Ausweisungsanordnung gegen die frühere Leiterin von RT France, Xenia Fedorova, heißt es nach Recherchen von WDR und SZ, das Russische Haus werde „als Tarnung von den russischen Geheimdiensten genutzt“.
Deutsche Behörden haben eine solche Einschätzung bislang nicht öffentlich bestätigt. Das Bundesinnenministerium erklärt jedoch, mögliche Einflussnahme oder Desinformationsaktivitäten würden von den Sicherheitsbehörden betrachtet. Das Bundesamt für Verfassungsschutz äußert sich grundsätzlich nicht öffentlich zu möglichen nachrichtendienstlichen Erkenntnissen oder Tätigkeiten.
Gleichzeitig wächst der politische Druck. CDU-Außenpolitiker Roderich Kiesewetter sowie die Grünen-Politikerin Sara Nanni und die FDP-Europaabgeordnete Marie-Agnes Strack-Zimmermann sprechen sich für eine Schließung aus.
Der Hintergrund
Das 1984 eröffnete Russische Haus ist ein großer Gebäudekomplex an der Friedrichstraße. Es verfügt laut den vorliegenden Berichten über rund 30.000 Quadratmeter Nutzfläche. Neben Veranstaltungsräumen befinden sich dort auch Wohnungen; 2023 waren nach Angaben der Tagesschau mehr als 100 Bewohner gemeldet.

Offiziell dient das Haus der Vermittlung russischer Kultur und Sprache. Angeboten werden unter anderem Ausstellungen, Konzerte, Sprachkurse und weitere Veranstaltungen. Betreiber ist Rossotrudnitschestwo, eine russische Regierungsagentur, die dem Außenministerium in Moskau untersteht und seit 2022 EU-Sanktionen unterliegt.
- Rossotrudnitschestwo
- Russische Regierungsagentur und Betreiberorganisation des Russischen Hauses.
- Bilaterale Abkommen
- Vereinbarungen zwischen Deutschland und Russland, die unter anderem die Liegenschaften der Kulturinstitutionen beider Länder betreffen.
Die Sanktionen bedeuten nicht automatisch die Schließung. Finanzielle Vorgänge sind eingeschränkt: Über das Konto bei der Bundesbank kann nicht frei verfügt werden, Überweisungen müssen geprüft und freigegeben werden.
Was sich jetzt verändert hat
Neu ist vor allem die konkrete Formulierung aus dem französischen Innenministerium. Die Behörde verbindet das Haus in ihrer Ausweisungsanordnung gegen Fedorova ausdrücklich mit russischen Geheimdiensten. Fedorova soll zuvor den Direktorenposten der Berliner Einrichtung angestrebt haben. Das Russische Haus erklärte dagegen, ihm lägen keine Informationen darüber vor, dass sie Direktorin werden solle.

Hinzu kommt eine offene Leitungsfrage. Der langjährige Direktor Pavel Izvolsky legte sein Amt im Frühjahr 2026 nieder und reiste aus Deutschland aus. Die Einrichtung bezeichnete seinen Abschied nach neun Jahren als regulären organisatorischen Vorgang. Derzeit wird das Haus kommissarisch geleitet.
Am 11. August verschärften mehrere Politiker den Ton. Kiesewetter bezeichnete das Haus als Symbol russischer Einflussnahme. Nanni verwies zudem auf auffällige Standort- und Mobilfunksignale in der Umgebung, während Strack-Zimmermann ebenfalls eine Schließung verlangte. Diese Aussagen sind politische Einschätzungen und keine öffentlich bestätigten Belege deutscher Sicherheitsbehörden für Spionage aus dem Gebäude.
Was das für Deutschland bedeutet
Eine Schließung ist rechtlich und außenpolitisch komplizierter als ein gewöhnliches Verbot einer Einrichtung. Das Auswärtige Amt verweist auf zwei Abkommen mit Russland, die auch das Goethe-Institut in Moskau betreffen. Nach Darstellung des Ministeriums sind beide Institutionen unmittelbar miteinander verbunden.
Auch Geld aus dem Bundeshaushalt sorgt für Streit. Für 2026 sind 70.000 Euro für die Grundsteuer des Berliner Grundstücks vorgesehen. Das Auswärtige Amt betont, dass dieses Geld an das Land Berlin und nicht an das Russische Haus gezahlt werde. Die Zahlung beruhe auf den Vereinbarungen zwischen Deutschland und Russland.
Damit treffen zwei Interessen unmittelbar aufeinander: Sicherheitsbedenken und der politische Wunsch nach einem härteren Vorgehen einerseits, bestehende internationale Verpflichtungen und mögliche Konsequenzen für deutsche Kulturinstitutionen in Russland andererseits.
Was noch ungeklärt ist
Entscheidend bleibt unbeantwortet, auf welchen konkreten Erkenntnissen die französische Einschätzung zur angeblichen Geheimdienstnutzung beruht. Die veröffentlichten Berichte nennen keine näheren Belege dafür. Deutsche Sicherheitsbehörden haben den Vorwurf ebenfalls nicht öffentlich bestätigt.
Offen ist außerdem, ob und auf welchem rechtlichen Weg die Bundesregierung das Haus tatsächlich schließen könnte. Das Auswärtige Amt erklärt, die bestehenden Vereinbarungen könnten nicht ohne Weiteres aufgehoben werden. Eine unmittelbar bevorstehende Schließung ist nach den vorliegenden Angaben daher nicht absehbar.
Häufige Fragen
Was ist das Russische Haus in Berlin?
Es ist eine 1984 eröffnete Einrichtung an der Friedrichstraße, die offiziell russische Kultur, Sprache und wissenschaftlichen Austausch vermittelt.
Warum steht das Russische Haus unter Spionageverdacht?
Das französische Innenministerium bezeichnet die Einrichtung laut WDR und Süddeutscher Zeitung in einer Ausweisungsanordnung als Tarnung für russische Geheimdienste.
Haben deutsche Behörden den Spionagevorwurf bestätigt?
Nein. Eine entsprechende öffentliche Bestätigung deutscher Sicherheitsbehörden liegt in den bereitgestellten Quellen nicht vor.
Warum wird das Russische Haus nicht einfach geschlossen?
Das Auswärtige Amt verweist auf bilaterale Vereinbarungen mit Russland, die auch das Goethe-Institut in Moskau betreffen und nicht ohne Weiteres aufgehoben werden könnten.
Wer betreibt das Russische Haus?
Betreiber ist die russische Regierungsagentur Rossotrudnitschestwo. Sie untersteht dem russischen Außenministerium und steht seit 2022 auf der EU-Sanktionsliste.
Zahlt Deutschland Geld an das Russische Haus?
Für 2026 sind 70.000 Euro für die Grundsteuer vorgesehen. Nach Angaben des Auswärtigen Amts geht diese Zahlung an das Land Berlin und nicht direkt an das Russische Haus.
Ressourcen
Quellen und Referenzen in diesem Artikel.
