Was steckt hinter den diskreten Verhandlungen mit den Taliban?

Die EU-Kommission und 15 Mitgliedstaaten haben erstmals seit 2021 eine Taliban-Delegation in Brüssel empfangen. Ziel des politisch hochbrisanten Treffens auf Fachebene ist die Beschleunigung von Abschiebungen straffälliger afghanischer Migranten.

EU-Verhandlungen mit Taliban: Abschiebungen im Fokus
Letzte AktualisierungJun 25, 2026, 5:49:32 PM
vor 1 Woche
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Was steckt hinter den diskreten Verhandlungen mit den Taliban?

Ein anonymer Tagungsort in Brüssel, Visa mit einer strikten Gültigkeit von nur 24 Stunden und ein Treffen abseits der offiziellen Kommissionsgebäude. So diskret sah die Kulisse aus, als am Dienstag erstmals seit der Machtübernahme der Islamisten im Sommer 2021 eine hochrangige Taliban-Delegation von Vertretern der EU-Kommission und 15 Mitgliedstaaten empfangen wurde. Hinter verschlossenen Türen verhandelten europäische Beamte mit den Machthabern aus Kabul über ein Thema, das die europäische Asylpolitik seit Jahren blockiert: die Abschiebung von Straftätern und Gefährdern nach Afghanistan.

Aktivisten protestieren in Brüssel gegen das Treffen mit den Taliban
Aktivisten protestieren in Brüssel gegen das Treffen mit den Taliban — tagesschau.de

Wie sich die Ereignisse entfalteten

Die Verhandlungen liefen unter strenger Geheimhaltung und wurden erst im Nachgang durch offizielle Statements der Beteiligten öffentlich. Angeführt wurde die afghanische Delegation von Abdel Kahar Balchi (auch bekannt als Hassan Bahiss), dem Leiter der Europaabteilung im afghanischen Außenministerium. Balchi, der im Westen aufgewachsen ist und verhandlungssicheres Englisch spricht, bezeichnete das Treffen gegenüber dem NDR als einen „historischen Besuch“. Im Kern ging es den europäischen Vertretern darum, die Rückführung von afghanischen Staatsangehörigen zu beschleunigen, die schwere Straftaten begangen haben oder ein Sicherheitsrisiko darstellen.

Die Taliban knüpfen diese Kooperation jedoch an klare Bedingungen. Sie fordern die Wiederaufnahme umfassender konsularischer Dienstleistungen im EU-Raum. Konkret bedeutet dies, dass die Islamisten eigene Diplomaten in europäische Botschaften entsenden wollen, um Identitäten festzustellen und Reisedokumente auszustellen. Delegationsleiter Balchi stellte unmissverständlich klar, dass ohne neue Diplomaten aus Kabul keine konsularische Betreuung und somit auch keine Abschiebungen möglich seien.

Obwohl Deutschland an den Brüsseler Gesprächen nicht direkt beteiligt war, läuft in Berlin eine parallele Initiative. Die Bundesregierung bestätigte, dass bis zu vier weitere Taliban-Diplomaten nach Deutschland kommen sollen, um Abschiebungen von Straftätern zu erleichtern. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt kündigte an, Rückführungen künftig regelmäßiger durchzuführen. Laut Ministerium sind künftig 3 Charterflüge pro Monat möglich.

Unter der Oberfläche

Hinter dem Tabubruch, mit einem international isolierten Regime zu verhandeln, steht massiver politischer Druck. Die EU-Kommission versucht seit Jahren erfolglos, die Rückführungsquote von irregulären Migranten zu steigern, die EU-weit bei stagnierenden 29 Prozent liegt. Bei afghanischen Staatsangehörigen ist die Bilanz noch verheerender: Von 14.270 Afghanen, die in den ersten neun Monaten des Jahres 2025 zur Ausreise verpflichtet wurden, wurden lediglich 340 tatsächlich zurückgeführt – eine Quote von gerade einmal 2 Prozent.

Gleichzeitig bleibt der Migrationsdruck hoch. Allein in den ersten vier Monaten des Jahres 2026 überquerten mehr als 3.300 Afghanen irregulär die EU-Außengrenzen, während im Jahr 2025 insgesamt über 63.000 Asylanträge von Afghanen in der EU registriert wurden – das entspricht rund 10 Prozent aller Asylsuchenden. Angeführt wurden die Verhandlungen unter anderem von Schweden, einem Land mit einer besonders hohen afghanischen Bevölkerung pro Kopf. Der schwedische Migrationsminister Johan Forssell erklärte, dass in seinem Land rund 200 verurteilte afghanische Staatsangehörige wegen schwerer Straftaten wie besonders schwerer Vergewaltigung oder schweren Drogenhandels auf ihre Abschiebung warten. Man müsse in bestimmten Situationen auch mit Diktaturen verhandeln, um nationale Interessen zu schützen.

Die Taliban regieren in Kabul seit ihrer Machtübernahme 2021
Die Taliban regieren in Kabul seit ihrer Machtübernahme 2021 — Spiegel

Stimmen & Meinungen

Die Begegnung löste eine Welle der Entrüstung bei Menschenrechtlern und Abgeordneten aus. Kritiker werfen der EU vor, die Rechte afghanischer Frauen dem Primat der Abschiebepolitik zu opfern und ein Regime zu legitimieren, das systematisch die Pressefreiheit einschränkt und Frauen aus Bildung und Arbeitsmarkt verbannt.

Europa darf kein Regime legitimieren, das für eine der schlimmsten Menschenrechtskrisen der Welt verantwortlich ist. Jeder Austausch mit den Taliban muss bei den Rechten afghanischer Frauen und Mädchen beginnen und enden.

Malala Yousafzai, Friedensnobelpreisträgerin

Auch im Europäischen Parlament regt sich heftiger Widerstand. Die sozialistische Europaabgeordnete Cecilia Strada sprach von einem „beschämenden Kapitel für Europa“, das einem System der Geschlechterapartheid Legitimität verschaffe. Die Grünen-Abgeordnete Saskia Bricmont nannte die Einladung „inakzeptabel“. Auf der anderen Seite weisen Kommentatoren darauf hin, dass die Isolation der vergangenen fünf Jahre den hungernden Menschen in Afghanistan nicht geholfen hat, da westliche Hilfsorganisationen das Land aus Furcht vor Kritik meiden.

Einordnung der Konsequenzen

Der politische Spagat der EU ist unübersehbar. Um den Vorwurf einer diplomatischen Aufwertung zu entkräften, betont die EU-Kommission beharrlich, dass die Gespräche ausschließlich auf „technischer Ebene“ stattfanden und keine politische Anerkennung der Taliban bedeuten. Beobachter warnen jedoch vor einer schleichenden Normalisierung. Wer heute über Abschiebeflüge verhandele, diskutiere morgen über Visa und Wirtschaftshilfe. Zudem besteht das Risiko, dass die Verhandlungsführer aus Kabul den Austausch im eigenen Land medienwirksam als internationalen diplomatischen Erfolg ausschlachten.

Rechtlich bleibt die Lage hochgradig umstritten. Der Europäische Rat für Flüchtlinge und Exilanten warnt, dass Afghanistan aufgrund fehlender Rechtsgarantien und anhaltender Verfolgung kein sicheres Rückkehrland sein kann. Auch UN-Menschenrechtskommissar Volker Türk mahnte bereits vor einer Ausweitung von Rückführungen, da diese Menschen gefährden und internationale Standards untergraben.

Wie es weitergeht

Trotz der massiven Proteste ist eine Fortsetzung des Dialogs beschlossene Sache. Das Treffen in Brüssel war keine spontane Aktion, sondern Teil eines strukturierten Prozesses: Bereits im Januar hatte eine Delegation der EU-Kommission Kabul besucht, nachdem zuvor 20 europäische Staaten die Behörde um Unterstützung bei der Koordinierung gebeten hatten. Als nächster konkreter Schritt steht in Deutschland die Akkreditierung der vier zusätzlichen afghanischen Konsularbeamten an. Sobald diese ihre Arbeit aufnehmen, sollen die monatlichen Charterflüge starten, um verurteilte Straftäter direkt nach Kabul zurückzubringen.

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Warum verhandelt die EU mit den Taliban?

Die EU-Mitgliedstaaten wollen Abschiebungen von afghanischen Staatsangehörigen beschleunigen, die schwere Straftaten begangen haben oder als Sicherheitsrisiko eingestuft werden. Da die afghanischen Behörden ohne Absprache keine Rückkehrer aufnehmen, sind direkte technische Kontakte notwendig.

Bedeutet das Treffen eine Anerkennung der Taliban-Regierung?

Nein. Die EU-Kommission und die Bundesregierung betonen, dass es sich um Gespräche auf rein „technischer Ebene“ handelt. Eine offizielle politische Anerkennung der Taliban-Regierung als legitime Vertretung Afghanistans ist damit ausdrücklich nicht verbunden.

Welche Zugeständnisse fordern die Taliban von Europa?

Die Taliban fordern die Wiederaufnahme konsularischer Dienstleistungen und die Entsendung eigener Diplomaten in europäische Botschaften. Sie machen diese personelle Präsenz zur Bedingung für die Ausstellung von Reisedokumenten, ohne die keine Abschiebung stattfinden kann.

Wie viele Menschen betrifft die Abschieberegelung aktuell?

In Schweden betrifft dies derzeit rund 200 verurteilte Straftäter. Für die gesamte EU fehlen genaue Statistiken über straffällige irreguläre Migranten, allerdings lag die allgemeine Abschiebequote nach Afghanistan im Jahr 2025 bei extrem niedrigen zwei Prozent.

Wie reagiert Deutschland auf die Brüsseler Initiative?

Deutschland war bei dem Treffen in Brüssel nicht direkt vertreten, begrüßt die Initiative der EU jedoch. Die Bundesregierung führt eigene bilaterale Gespräche auf technischer Ebene und lässt zeitnah vier weitere Taliban-Diplomaten für Konsularaufgaben nach Deutschland einreisen.

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Verfasst von

Ahmed Sezer

Leitender Redakteur

Spezialist für Politik, Regierung und Themen von allgemeinem öffentlichem Interesse.

Dieser Artikel wurde mit KI-gestützten Redaktionstools erstellt und vor der Veröffentlichung nach den redaktionellen Standards von Trend Digest geprüft.

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