Die englische Nationalmannschaft hat in ihrem zweiten WM-Gruppenspiel im Bostoner Gillette Stadium ein enttäuschendes 0:0 gegen Ghana hinnehmen müssen und damit die vorzeitige Qualifikation für die K.-o.-Runde verpasst. Nach dem packenden 4:2-Auftakterfolg gegen Kroatien stockte der Offensivmotor der Auswahl von Trainer Thomas Tuchel gegen das afrikanische Abwehrbollwerk über weite Strecken erheblich. Während die Three Lions mit nun 4 Punkten zwar Tabellenführer der Gruppe L bleiben, sorgt der spielerische Rückschlag für heftige Kritik in den britischen Medien.

Nullnummer in Boston: Kanes bitterer Fehlschuss
Vor 63.983 Zuschauern entwickelte sich von Beginn an eine zähe Begegnung. Die Black Stars aus Ghana überließen England fast vollständig die Initiative, was sich in einem extremen Ballbesitzwert von 79 Prozent für die Tuchel-Elf widerspiegelte. Trotz dieser optischen Überlegenheit agierten die Three Lions im Angriffsdrittel ideenlos und bissen sich an der tiefstehenden Defensive fest. Hochkarätige Torszenen blieben in der ersten Stunde Mangelware, stattdessen prägten ruppige Zweikämpfe und wenig Tempo das Geschehen auf dem Rasen.
Erst in der Schlussphase erwachte die englische Offensive aus ihrer Lethargie und leitete eine dramatische Schlussphase ein. In der 86. Minute bot sich dem eingewechselten Bukayo Saka die erste Gelegenheit, doch er scheiterte mit einem Flachschuss an Ghanas Torwart Benjamin Asare. Nur Sekunden später flankte England von der rechten Seite: Nico O'Reilly stieg am höchsten und köpfte den Ball an das Lattenkreuz. Der Abpraller landete genau vor den Füßen von Harry Kane, der aus sechs Metern völlig freistehend vor dem leeren Tor abzog. Zum Entsetzen der Fans schoss der Topstürmer des FC Bayern München den Ball jedoch weit über das Gehäuse.
Durch diesen uncharakteristischen Fehlschuss verpasste Kane nicht nur den späten Siegtreffer, sondern auch die Möglichkeit, sich mit seinem elften WM-Tor zum alleinigen WM-Rekordtorschützen seines Landes zu krönen. Aktuell muss er sich diesen Rekord weiterhin mit der Legende Gary Lineker teilen.
Wut auf den VAR: Queiroz schäumt nach Abpfiff
Abseits der vergebenen Chancen auf englischer Seite sorgte eine Szene in der 79. Minute für heftige Diskussionen. Ghanas Angreifer Prince Adu sprintete allein auf das englische Tor zu und wurde im Strafraum vom grätschenden Verteidiger Ezri Konsa rustikal gestoppt. Die TV-Bilder zeigten deutlich, dass Konsa bei dieser Aktion nur den Körper und nicht den Ball traf. Der honduranische Schiedsrichter Héctor Said Martínez entschied jedoch zum Entsetzen der ghanaischen Bank auf Weiterspielen, und auch der Video-Assistent Armando Villareal aus den USA griff nicht ein.
Bereits in der 67. Minute hatte es Aufregung gegeben, als Adu an der Strafraumkante mit Englands Keeper Jordan Pickford zusammenstieß. Während Ghana eine Rote Karte wegen Notbremse forderte, entschied das Schiedsrichtergespann auf Stürmerfoul. Ghanas Nationaltrainer Carlos Queiroz war nach dem Schlusspfiff kaum zu beruhigen und wählte deutliche Worte für die Leistung der Unparteiischen.
Die Protagonisten des Abends
Im Fokus der Partie standen vor allem die beiden Trainer und ihre Schlüsselspieler. Thomas Tuchel versuchte von der Seitenlinie aus immer wieder korrigierend einzugreifen und wechselte in der zweiten Halbzeit unter anderem Bukayo Saka und Nico O'Reilly ein, um den Spielfluss zu beleben. Auf der Gegenseite erwies sich das taktische Konzept von Carlos Queiroz, der Ghana erst im April übernommen hatte, als defensiver Volltreffer. Sein Mittelfeldchef Thomas Partey nahm Harry Kane über die gesamte Spielzeit in eine enge Manndeckung, sodass der englische Kapitän am Ende lediglich 19 Ballkontakte verzeichnen konnte.
Für Jude Bellingham war die Partie trotz des enttäuschenden Ausgangs ein historischer Meilenstein. Mit 22 Jahren avancierte er zum jüngsten Spieler der englischen Verbandsgeschichte, der die Marke von 50 Länderspielen erreichte. Für Aufsehen im Vorfeld sorgte zudem Ghanas Thomas Partey, dem beim ersten Gruppenspiel in Kanada wegen Vergewaltigungsvorwürfen die Einreise verweigert worden war. Während die englischen Fans ihn bei jedem Ballkontakt ausbuhten, verweigerte ihm Englands Djed Spence beim obligatorischen Handshake vor dem Spiel den Gruß.
Stimmen zum Spiel
Thomas Tuchel zeigte sich nach dem Remis sichtlich frustriert, nahm seinen unglücklichen Kapitän jedoch umgehend in Schutz:
Harry macht den normalerweise rein. Wenn du kein Tor schießt (...), wenn die so tief stehen, dann wird es einfach verdammt schwer. Es waren Chancen, aber leider konnten wir uns nicht belohnen.
Harry Kane gab sich nach der vergebenen Großchance gewohnt pragmatisch und blickte bereits nach vorne:
Solche Spiele gibt es. Ich habe darauf gewartet, dass mir so eine Gelegenheit zufällt, aber ich kam nicht richtig über den Ball. So ist das eben manchmal. Ich bin lange genug Stürmer, um zu wissen, dass sie nicht immer reingehen.
Ganz andere Töne schlug dagegen Carlos Queiroz an, der seinem Ärger über die Schiedsrichterentscheidungen freien Lauf ließ:
Funktioniert der VAR noch? Da hätte es einen Elfmeter geben müssen, und es gab auch eine klare Rote Karte. Wäre der VAR nicht gerade auf Kaffeepause gegangen, hätte er den Elfmeter gegeben, und wir hätten das Spiel gewonnen. England hatte Glück.
Unterstützung erhielt Queiroz vom deutschen Ex-Schiedsrichter Manuel Gräfe, der die Aktion von Konsa gegen Adu in einer ersten Einschätzung als klaren Strafstoß bewertete.
Das berüchtigte „Zweite-Spiel-Syndrom“
Mit dem Unentschieden setzt sich für England eine historische Serie fort: Zum vierten Mal in Folge bei großen Turnieren folgte auf einen Auftaktsieg ein Remis im zweiten Gruppenspiel. Jude Bellingham beruhigte nach der Partie die nervöse Fanseele auf den Inseln und forderte Optimismus. Ganz anders reagierte die heimische Presse. Die Daily Mail schlug Alarm und fragte, wie dieses formschwache Starensemble mit Top-Nationen wie Frankreich oder Spanien konkurrieren wolle, während die Marca in Spanien titelte, dass der vorsichtige Geist von Ex-Trainer Gareth Southgate wieder über dem Team schwebe.
So geht es in Gruppe L weiter
Trotz des Dämpfers befindet sich England vor dem letzten Spieltag in einer komfortablen Ausgangslage. Die Three Lions führen die Tabelle mit 4 Punkten punktgleich mit Ghana an. Dahinter folgt Kroatien mit 3 Zählern nach einem mühevollen 1:0-Sieg gegen Panama. Am kommenden Spieltag trifft England auf das bereits ausgeschiedene Panama und geht als klarer Favorit in die Partie, um den Einzug ins Sechzehntelfinale endgültig perfekt zu machen. Ghana kämpft im Parallelspiel gegen Kroatien um das Ticket für die K.-o.-Runde.
Häufige Fragen zum Spiel (FAQ)
Wie hat England gestern gegen Ghana gespielt?
Das WM-Gruppenspiel zwischen England und Ghana endete im Gillette Stadium in Boston torlos 0:0.
Welche Großchance hat Harry Kane vergeben?
In der 86. Minute prallte ein Kopfball von Nico O'Reilly an die Latte. Der Nachschuss landete direkt vor Harry Kane, der den Ball aus sechs Metern völlig freistehend über das leere Tor schoss.
Warum gab es heftige Kritik von Ghanas Trainer Carlos Queiroz?
Queiroz kritisierte den Schiedsrichter und den Video-Assistenten scharf, weil Ghana in der 79. Minute nach einem Foul von Ezri Konsa an Prince Adu ein klarer Elfmeter und eine Rote Karte verwehrt wurden.
Wie sieht die Tabelle in Englands WM-Gruppe L aus?
England führt die Gruppe mit 4 Punkten an, gefolgt vom punktgleichen Ghana (4 Punkte). Kroatien belegt mit 3 Punkten Platz drei, während Panama nach zwei Niederlagen bereits ausgeschieden ist.