Nach Havarie in Bonn: „Thurgau Gold“ wieder frei
Ein 135 Meter langes Flusskreuzfahrtschiff saß stundenlang im Rhein fest – während Passagiere und Besatzung an Bord blieben. Die „Thurgau Gold“ war am Donnerstagmorgen beim Anlegen in Bonn auf Grund gelaufen und konnte erst am frühen Abend freigeschleppt werden. Der Zwischenfall zeigt zugleich, wie stark das außergewöhnlich frühe Niedrigwasser inzwischen Schifffahrt, Tourismus, Energieversorgung und Industrie belastet.

Was bisher bekannt ist
Die unter Schweizer Flagge fahrende „Thurgau Gold“ wollte am Donnerstagmorgen in Bonn anlegen, als sie sich nach Angaben der Feuerwehr wegen des Niedrigwassers festfuhr. Laut dem General-Anzeiger setzte das Heck auf einer Sandbank auf. Eigene Befreiungsversuche blieben zunächst erfolglos. Die ohnehin schmale Fahrrinne war durch die Lage des Schiffes zusätzlich beeinträchtigt.
Am Nachmittag traf das Schleppschiff „Sardius“ ein. Nach mehreren Versuchen gelang kurz vor 18 Uhr das Freischleppen. Das Schiff wurde zunächst zu einer Anlegestelle im Bereich des früheren Regierungsviertels begleitet und erreichte später den Niehler Hafen in Köln. Ein Leck wurde nicht festgestellt. Die Schifffahrt an der Einsatzstelle war während Teilen der Bergung eingeschränkt beziehungsweise vorübergehend eingestellt.

Die Quellen nennen unterschiedliche Zahlen zur Belegung an Bord: Der WDR berichtet von 100 Passagieren und 45 Crewmitgliedern, der General-Anzeiger von 75 Gästen und 40 Besatzungsmitgliedern. Übereinstimmend ist, dass niemand verletzt wurde. Das 2023 gebaute Schiff ist 135 Meter lang, 11,40 Meter breit und kann nach Betreiberangaben bis zu 182 Passagiere aufnehmen.
Der Vorfall ist kein isoliertes Problem. Auf dem Rhein können Frachtschiffe wegen der niedrigen Pegel teilweise nur noch mit etwa einem Drittel ihrer normalen Ladung fahren. Bei Karlsruhe flossen zuletzt nur noch zwischen 450 und 500 Kubikmeter Wasser pro Sekunde ab; rund zehn Tage zuvor war es fast doppelt so viel. Auch das Wasserkraftwerk Iffezheim kann nach Angaben des Betreibers bereits seit Mai nicht mehr unter Volllast arbeiten.
- Niedrigwasser
- Ein ungewöhnlich niedriger Wasserstand eines Flusses, der unter anderem die nutzbare Fahrrinnentiefe verringert.
- Tiefgang
- Die Tiefe, bis zu der ein Schiff unter der Wasseroberfläche liegt. Je schwerer die Beladung, desto größer ist in der Regel der Tiefgang.
- Leichterung
- Das teilweise Abladen von Fracht, damit ein Schiff weniger tief im Wasser liegt und flache Abschnitte passieren kann.
Was Beteiligte dazu sagen
Die Auswirkungen des niedrigen Wasserstands reichen weit über den Zwischenfall in Bonn hinaus. Roberto Spranzi von der Deutschen Transport-Genossenschaft Binnenschifffahrt erklärte laut einem Bericht, er habe eine derartige Situation zu dieser Jahreszeit noch nicht erlebt. Weniger Ladung pro Schiff bedeutet zusätzliche Fahrten und damit höhere Transportkosten.
„Wir passen Beladung, Routen und Fahrpläne laufend an die eingeschränkte Schiffbarkeit an und halten Transporte von Agrarprodukten, Baustoffen, Stahl und weiteren Gütern bestmöglich aufrecht“
Auch die ökologische Belastung wächst. Niedrige, warme Flüsse enthalten weniger Sauerstoff. Finn Zenker vom NABU beschreibt die aktuellen Bedingungen als Folge länger anhaltender Extremphasen:
„Die Niedrigwasserperiode, die wir haben, trägt die Handschrift des Klimawandels. Die Extreme werden immer häufiger, und dadurch wird es immer belastender für die Gewässer und deren Artengemeinschaften, die da drin vorkommen.“
Was das für Menschen in Deutschland bedeutet
Für Reisende und Ausflügler sind die Folgen bereits sichtbar. Fähren fallen aus, Anlegestellen können teilweise nicht mehr erreicht werden und touristische Schiffe müssen Fahrpläne ändern. Am Donaudurchbruch zwischen Kelheim und dem Kloster Weltenburg war die Personenschifffahrt seit dem 6. Juli zeitweise nicht möglich, weil der notwendige Pegel von mindestens 2,30 Metern unterschritten wurde.

Für Verbraucher kann die Lage indirekt über höhere Logistikkosten relevant werden. Wenn Frachtschiffe weniger transportieren, müssen mehr Fahrten organisiert oder Waren zwischengelagert werden. Unternehmen entlang des Rheins reagieren bereits mit Schiffen mit geringerem Tiefgang und angepassten Produktionsabläufen. Bei Thyssen Steel wurde die Hochofenproduktion vorsorglich etwas gedrosselt, weil das Duisburger Werk täglich rund 50.000 Tonnen Rohstoffe benötigt.
Hinzu kommt die Energieversorgung: Wird Flusswasser zu warm oder zu knapp, können Kraftwerke und Industriebetriebe weniger Kühlwasser entnehmen. In Karlsruhe darf ein Kohlekraftwerk bei einer Rheinwassertemperatur von mehr als 28 Grad Celsius ohne Ausnahmegenehmigung kein Rheinwasser mehr zur Kühlung verwenden.
Wie es weitergeht
Für die „Thurgau Gold“ war die unmittelbare Gefahr nach dem erfolgreichen Freischleppen beendet; das Schiff erreichte noch am selben Abend Köln. Die grundsätzliche Belastung der Wasserstraßen bleibt jedoch bestehen. Für einzelne Abschnitte werden Beladung, Tiefgang, Routen und Fahrpläne weiterhin kurzfristig an die Pegelstände angepasst.
Die Erfahrungen aus dem Niedrigwasserjahr 2018 zeigen die wirtschaftliche Dimension: Nach Angaben eines Berichts der Internationalen Kommission zum Schutz des Rheins entstanden damals volkswirtschaftliche Schäden von rund zwei Milliarden Euro. Ob 2026 vergleichbare Werte erreicht werden, lässt sich aus den vorliegenden Quellen nicht ableiten.
Auf einen Blick
- Die „Thurgau Gold“ lief am Donnerstagmorgen beim Anlegen in Bonn wegen des Niedrigwassers auf Grund.
- Das 135 Meter lange Schiff wurde kurz vor 18 Uhr von der „Sardius“ freigeschleppt.
- Passagiere und Besatzung blieben unverletzt; ein Leck wurde nicht festgestellt.
- Frachtschiffe auf dem Rhein können teilweise nur noch rund ein Drittel ihrer regulären Ladung transportieren.
- Niedrigwasser beeinträchtigt zugleich Tourismus, Industrie, Wasserkraft und Flussökologie.
- Auch auf der Donau führen geringe Pegel zu deutlich reduzierten Ladungsmengen und Ausfällen in der Personenschifffahrt.
Häufige Fragen
Warum lief die „Thurgau Gold“ in Bonn auf Grund?
Nach Angaben der Feuerwehr und weiterer Berichte war das Niedrigwasser mitentscheidend. Beim Anlegemanöver setzte das Schiff mit dem Heck auf einer Sandbank auf.
Wurden Menschen bei der Havarie verletzt?
Nein. Die vorliegenden Berichte stimmen darin überein, dass Passagiere und Besatzungsmitglieder unverletzt blieben.
Warum können Frachtschiffe bei Niedrigwasser weniger laden?
Mehr Ladung erhöht den Tiefgang eines Schiffes. Bei geringer Wassertiefe steigt dadurch die Gefahr, den Grund zu berühren oder aufzulaufen.
Welche Folgen hat das Niedrigwasser für Verbraucher?
Weniger Fracht pro Schiff führt zu zusätzlichen Transporten, Umleitungen oder Zwischenlagerungen. Dadurch können die Kosten entlang der Lieferketten steigen.
Welche anderen Bereiche sind betroffen?
Neben Güter- und Personenschifffahrt leiden Wasserkraft, industrielle Kühlung und Flussökosysteme unter niedrigen und zugleich wärmeren Wasserständen.
Ressourcen
Quellen und Referenzen in diesem Artikel.
