Letzte Aktualisierung: 29. Oktober 2026, 05:35 Uhr
Die Parlamentswahl in Israel könnte die politische Führung des Landes verändern – und damit auch den weiteren Kurs im Nahostkonflikt. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu liegt mit seinem rechtsreligiösen Lager zwar vorn, verfügt nach bisherigen Ergebnissen aber über keine Regierungsmehrheit. Die arabischen Parteien haben deutlich hinzugewonnen und könnten über die nächste Regierung entscheiden. Gleichzeitig erhebt Netanjahus Likud-Partei schwere, bislang nicht unabhängig bestätigte Wahlbetrugsvorwürfe.
Was nach der Parlamentswahl passiert ist
Nach Auszählung von rund 90 Prozent der Stimmen zeichnet sich in Israel eine schwierige Regierungsbildung ab. Das Lager von Ministerpräsident Netanjahu erreicht nach den am 29. Oktober veröffentlichten Zahlen 53 der 120 Parlamentssitze. Die Opposition um den früheren Militärchef Gadi Eisenkot kommt auf 48 Mandate.
Für eine Mehrheit in der Knesset sind mindestens 61 Sitze erforderlich. Die arabischen Parteien erreichen nach dem vorläufigen Auszählungsstand gemeinsam 19 Mandate und könnten damit erstmals eine besonders einflussreiche Rolle bei der Regierungsbildung übernehmen.
Die Likud-Partei behauptet unterdessen, arabische Parteien hätten die Wahl durch illegale Praktiken beeinflusst. Genannt werden Bestechung, Drohungen, Fälschungen und verbotene Programme zur Wählermobilisierung. Die Vorwürfe sind nicht unabhängig bestätigt. Laut Bericht von n-tv will das Zentrale Wahlkomitee die Beschwerde prüfen. Die Prüfung solcher Eingaben gehört zum regulären Wahlverfahren.
Diese Parteien und Politiker entscheiden über die Regierung
Netanjahu sucht bereits Unterstützung bei seinen bisherigen Verbündeten. Berichten zufolge sprach er mit Bezalel Smotrich vom Religiösen Zionismus und Itamar Ben-Gvir von Ozma Jehudit. Gespräche mit ultraorthodoxen Parteien sollen folgen.
Sein Herausforderer Gadi Eisenkot strebt dagegen einen Regierungswechsel an. Er fordert unter anderem eine Wehrpflicht auch für ultraorthodoxe Männer. Eine Zusammenarbeit mit arabischen Parteien wäre für sein Lager rechnerisch besonders bedeutsam.

Zu ihnen gehört die konservativ-islamische, aber pragmatische Raam-Partei. Sie beteiligte sich bereits 2021 an einer Regierungskoalition unter Naftali Bennett. Daneben steht die Vereinte Liste aus Chadasch, Taal und Balad, die sich vor der Wahl zusammengeschlossen haben.
Ihre gemeinsamen Forderungen umfassen die Gleichberechtigung arabischer Israelis, ein Ende der Besatzung palästinensischer Gebiete und einen palästinensischen Staat. Unterschiede bestehen bei gesellschaftspolitischen Fragen und der Zusammenarbeit mit jüdisch-israelischen Parteien. Einen ausführlichen Überblick bietet die Darstellung der arabischen Parteien.
Warum das Wahlergebnis politisch so bedeutsam ist
Der starke Stimmenzuwachs der arabischen Parteien verändert die parlamentarische Ausgangslage. Rund ein Fünftel der israelischen Bevölkerung ist arabischer Herkunft. Viele dieser Bürger fordern eine gleichberechtigte politische und gesellschaftliche Teilhabe.
Der Historiker Ralf Melzer, Leiter des israelischen Büros der Friedrich-Ebert-Stiftung, bezeichnet die Wahl im Gespräch mit WEB.DE als Ausdruck einer stark polarisierten Gesellschaft. Nach seiner Einschätzung erschweren die erheblichen politischen Unterschiede innerhalb der Opposition die Regierungsbildung.

Bei der Wahl 2020 erreichten arabische Parteien zusammen 15 Sitze. Die jetzt erwarteten 18 bis 19 Mandate wären ein neuer Höchststand. Die gestiegene Wahlbeteiligung in arabischen Gemeinden trug zu diesem Ergebnis bei.
Ein weiteres Hindernis ist die bisherige Ablehnung einer Kooperation mit arabischen Parteien durch rechte jüdisch-israelische Kräfte. Innerhalb der Opposition hat laut Melzer bislang insbesondere der Vorsitzende der Demokraten, Yair Golan, eine klare Bereitschaft zur Zusammenarbeit erklärt.
Reaktionen aus Israel und Deutschland
Israels Staatspräsident Izchak Herzog hat angekündigt, alle parlamentarischen Fraktionen anzuhören. Nach einem Bericht des Deutschlandfunks fordert er Offenheit bei den Koalitionsgesprächen und möchte erneute Parlamentswahlen verhindern.
Der frühere Ministerpräsident Ehud Olmert hält eine Zusammenarbeit zwischen Opposition und arabischen Parteien für möglich. Im Gespräch mit dem ZDF erklärte er, die Bereitschaft der arabischen Parteien sei seiner Einschätzung nach vorhanden. Entscheidend seien nun die politischen Entscheidungen des Eisenkot-Lagers.
Auch deutsche Zeitungen bewerten die Lage unterschiedlich. Die Augsburger Allgemeine bevorzugt in einem Kommentar eine stabile Regierung unter Beteiligung von Netanjahu und Eisenkot. Der Kölner Stadt-Anzeiger fordert dagegen, dass die Opposition ihre Ablehnung einer Zusammenarbeit mit arabischen Parteien überdenkt. Beide Beiträge sind politische Meinungsäußerungen, keine Regierungsankündigungen.
Welche Folgen jetzt möglich sind
Das endgültige amtliche Wahlergebnis muss spätestens acht Tage nach der Abstimmung vorliegen. Danach entscheidet Präsident Herzog nach Beratungen mit den Parteien, wen er mit der Regierungsbildung beauftragt. Die stärkste Partei erhält diesen Auftrag nicht automatisch.
Für Deutschlands außenpolitische Debatte ist insbesondere Israels weiterer Umgang mit dem Iran relevant. Netanjahu bezeichnete die iranische Bedrohung nach der Wahl weiterhin als ungelöst. Olmert warnte vor möglichen neuen Militärschlägen und brachte dabei auch eine öffentliche Positionierung von Bundeskanzler Friedrich Merz ins Gespräch.
Eine gemeinsame Regierung der bisherigen politischen Gegner, eine von arabischen Parteien unterstützte Koalition oder erneute Wahlen sind unterschiedliche denkbare Szenarien. Welcher Weg tatsächlich eingeschlagen wird, hängt von den ausstehenden Ergebnissen und konkreten Koalitionsvereinbarungen ab.
Häufige Fragen zur Wahl in Israel
Wer hat die Parlamentswahl in Israel 2026 gewonnen?
Nach Auszählung von rund 90 Prozent der Stimmen liegt das rechtsreligiöse Lager um Benjamin Netanjahu mit 53 Sitzen vorn. Das Oppositionslager um Gadi Eisenkot erreicht 48 Sitze; ein endgültiges amtliches Ergebnis liegt in den vorliegenden Berichten noch nicht vor.
Wie viele Sitze braucht man für eine Mehrheit in Israel?
Für eine absolute Mehrheit sind 61 der insgesamt 120 Sitze in der Knesset notwendig. Nach den vorläufigen Zahlen erreicht keines der beiden großen politischen Lager diese Schwelle allein.
Welche Rolle spielen die arabischen Parteien?
Die arabischen Parteien könnten gemeinsam 19 Mandate erreichen und damit einen historischen Höchststand erzielen. Ihre Unterstützung könnte es dem Oppositionslager ermöglichen, eine parlamentarische Mehrheit zu bilden.
Sind die Wahlbetrugsvorwürfe gegen arabische Parteien bewiesen?
Nein, die schweren Vorwürfe der Likud-Partei sind bislang nicht unabhängig bestätigt. Das Zentrale Wahlkomitee hat angekündigt, die eingereichte Beschwerde zu prüfen.
Wann steht fest, wer Israel künftig regiert?
Das amtliche Endergebnis muss spätestens acht Tage nach der Wahl vorliegen. Anschließend führt Präsident Herzog Konsultationen mit den Parteien und beauftragt einen Abgeordneten mit der Regierungsbildung.


